Die Schülergruppe auf dem Weg über den Friedhof

Am 18.7.2019 bot sich auf dem Stuttgarter Pragfriedhof ein ungewohnter Anblick. Eine Schar farbenfroh gekleiderter Schüler aller Altersgruppen zog hinter einem Wagen her, auf dem eine kleine bemalte Kiste ruhte. Zu dem bunten Outfit hatten sich die Schüler bewusst entschieden, weil es ein freudiger Anlass war: In der Kiste befanden sich die Knochen des Skeletts, das vielen Schülergenerationen als Anschauungsobjekt im Bio-Saal gedient hatte und nun seine letzte Ruhestätte finden sollte.

Die Projektgruppe auf den Stufen des Krematoriums am Pragfriedhof mit dem “Sarg” in der Mitte. (Foto: Lucy Targov)

Wer war der Mensch und woher stammte er? Hatte er seine sterblichen Überreste freiwillig einer Schule überlassen? All diese Fragen lassen sich mittlerweile nicht mehr klären, da die Anschaffung vermutlich noch vor den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts liegt.

Klar ist nur, dass es mittlerweile gute Modelle des menschlichen Körpers gibt und das Skelett weitgehend unbeachtet im Schrank stehen blieb. Im Ethik-Unterricht der 10. Klasse gingen wir der Sache nach: Was ist zu tun mit den menschlichen Überresten? Wie möchten wir, dass nach unserem Tod mit unserem Körper und unserem Andenken umgegangen wird? Dass es nicht auf den Müll geworfen konnte, war klar. Sollte man nichts tun, und die Überreste eines Menschen als verstaubte Kuriosität in der Vitrine stehen lassen?

Die Schüler waren sich schnell einig: Der würdevolle Umgang mit den Mitmenschen gebietet, dass sie bestattet werden. Auf ihre Initiative hin, erklärten sich der städtische Bestattungsdienst und Herr Peters vom Pragfriedhof schnell dazu bereit, das Skelett in einem anonymen Grab zu bestatten.

Im Werkraum zimmerten die Schüler eine Kiste, in der die Knochen in das Grab gelegt wurden. (Foto: Rymes)

Viel beschäftigte die Schüler die Frage, was denn das „richtige“ Bestattungsritual sei. Aus welchem Kulturkreis kam der Mensch? Gehörte er einer Religion an und wenn ja, welcher? Ist es erlaubt, jemanden mit ihm fremden Ritualen zu bestatten?

Um uns einer Antwort anzunähern, entnahmen wir Knochenproben und schickten sie an das pathologische Institut des Klinikum Stuttgarts, wo sich Herr Dr. Techel freundlicherweise sofort dazu bereit erklärt hatte, eine genetische Analyse vorzunehmen. Die Schüler erhofften sich von dieser Analyse auch eine Antwort auf die Frage, ob es sich beim Skelett um eine Körperspende handelte. Sollte die Analyse ergeben, dass der Mensch aus Europa stammte, war dies nicht unwahrscheinlich. Sollte die Herkunft beispielsweise auf Afrika, Indien oder Ostasien hindeuten, könnte es sich auch um das Opfer kolonialer Praktiken handeln. Es ist bekannt, dass im frühen 20. Jahrhundert Leichen aus den Kolonialländern nach Europa verschifft und an Bildungsinstitute verkauft wurden.

Matthis hält am Grab eine Rede auf den Toten. Foto: Lucy Targov.

Ein Ergebnis des Pathologischen Instituts kam prompt: es handelt sich um einen Mann, der vermutlich aus Südosteuropa stammte. Auch wenn damit die Frage nach der Körperspende nicht geklärt war, gewann dadurch der Mensch hinter den Überresten zumindest gewisse Konturen.

In der vorletzten Schulwoche machte sich eine Projektgruppe aus Schülern der 5. bis 8. Klassen daran, die letzten Vorbereitungen für die Bestattung zu treffen. Die über 206 Knochen waren mit Schrauben und Drähten festverbunden und wurden vorsichtig auseinandergenommen und in die Kiste gelegt.

Die einzelnen Teile des Skeletts wurden von den Schülern vorsichtig auseinadergenommen. (Foto: Rymes)

Am 18.7. wurde der Sarg dann von 3 Friedhofsaufsehern in das ausgehobene Grab gelegt. Die Bestattungszeremonie war genauso bunt und multikulturell wie unsere Schule: Matthis (5a) trug eine Grabrede vor. Anita und Muhammad (10a und 10b) sprachen Koranverse und ein muslimisches Gebet. Schüler der 7. und 8. Klassen lasen aus der Bibel und trugen Gedichte vor. Lu-Yen (Kursstufe) und Amirmadhi (9a) spielten dazu auf der Gitarre. 

Friedhofsaufseher ließen den “Sarg” in das ausgehobene Rasengrab. (Foto: Rymes)

Der Aufbau von Knochen und Gelenken wird in Bio weiterhin an unserem Plastikmodell gelehrt. Aber in der nun leeren Vitrine im Fachraum erinnert jetzt ein kleines Denkmal an den Menschen, dessen Überreste dort einst standen.

Der “Sarg” wurde von Schülerinnen farbenfroh bemalt. Der bunte, lächelnde Schädel soll an den mexikanischen Día de los muertos erinnern, an dem fröhlich der Toten gedacht wird. (Foto: Rymes)

Am 26.8.2019 berichtete auch die Stuttgarter Zeitung über unser Projekt. 

Kontakt: j.rymes|at|zg.s.schule-bw.de